Außenwerbung (be) trifft jeden

Es wird ja immer schlimmer und auch wenn die Nachrichten natürlich übertreiben, sollte man Sorge tragen. Dieser Tinnitus in den Ohren, alte Jingles zum Mitsingen aus den 90ern, der geht nicht mehr weg und nistet sich wie eine Raupe in die Muschel, spinnt die Gehörgänge zu, so dass man nur noch diesen alten McDonalds-Song hört und lernen muss, von den Lippen zu lesen.

Die Augen flimmern nun schon seit Jahren, das machen die ganzen großen Plakate (früher waren sie noch so klein, dass man lediglich gelegentlich Kopfschmerzen bekam und einem flackernde Sterne über die Wimpern fielen). Schließt man sie nun abends um zu schlafen und zu träumen, pranken einem werbepsychologisch optimierte Logos, elegante Schriftformatierungen und immer lachende Menschen entgegen, die sich dann auch in den Träumen wiederfinden und aus abstrakten und surrealen Wiederaufbereitungen des Tages sich immer wiederholende Bilderkinos von Getränkeherstellern drehen, so dass man gar keinen Durst mehr hat, wenn man aufsteht und so langsam ausdörrt, sich nur nach einem Traum aus Nichts, einer schwarzen Leinwand hinter den Lidern sehnt.

Seit nun auch die Tiere betroffen sind, haben sich wohltätige Organisationen gebildet, die klebrige Captchas aus den Gefiedern und Fellen kämmen, behutsam die Schnäbel halten, um sie von Popup-Fenstern zu befreien. Aber es werden immer mehr, die sich auf den Straßen in Restaurantflyern winden.

Und seit sie Content für sich entdeckt haben, winden sich die außenstehenden Werbemacher durch unsere Nasenhöhlen hinauf in unser Denken und verstecken dort gezielt Keywords zwischen alten Kindheitserinnerungen und dem Mittag bei Oma, damals in den Ferien, die Hände auf der Wachstischdecke und das schöne Geschirr mit dem weinroten Muster (die Suppe darin war doch sicher mit Liebe oder Knorr gemacht, eines von beiden, aber welches, das weiß man nicht mehr).

Wenn ich jetzt jemandem in die Augen sehe, den ich liebgewonnen habe, dann finde ich später am Tag sein Bild in meinem Facebook-Feed, mit einer Anzeige des Herstellers, der sein Hemd hergestellt hat. Und später in der Nacht, da flüstert mir ein deutscher Prominenter, der eigentlich gar keine veräußerte Werbung machen muss, diesen geliebten Namen dieses wunderbaren Menschen ins Ohr, dicht gefolgt von einer Kaufempfehlung für sein Aftershave, damit ich an ihn erinnert werde, wenn er mal nicht bei mir ist.

Die neue Unhöflichkeit

„Die Technologie sei Schuld“, so die Kolumnen auf der Frontseite der Lokalzeitung, „die Jugend ist abgelenkt von all diesen Smartphones, sie verpasse ja das Leben“, raunen Schnauzbärte auf dem Karneval, gefolgt von irgendeiner aus den Gräbern geholten Punchline und dem müden „Tata Tata“. All das Tweeten und die Fotos auf Konzerten, man sieht die Bühne gar nicht mehr vor lauter Displays, die mit Instagram-Filtern auch noch das gerade Erlebte verzerren, so dass es nicht einmal im Moment echt erscheint. In der Bahn lächelt man sich nicht mehr an, denn alle whatsappen mit Unbekannten aus dem Netz, dieser anonymen Wolke, die man mit dem Begriff „Online“ nur all zu gerne von der Realität abhebt. Aber dabei vergessen sie, wie es früher war, genauso schlimm nur anders, genauso fremdelnd nur physischer. Vergessen all die Ecken und Kanten der Bücher und Fotoalben, die einem in der engen Bahn bei einer Kurve blaue Flecke verpassten. Vergessen die Muskelkater, wenn man wieder einmal einem Touristen den schweren Atlas halten musste, um ihm den Weg zur Warschauer Straße zu zeigen. Vergessen die vielen Federn und all der Kot der Brieftauben, die auf Konzerten die Sicht nahmen und die Technik ruinierten, ganz zu Schweigen vom Lärm, den diese Tiere verursachen können, wenn sie einmal nicht den Ausgang aus dem finsteren Club fanden um Nachrichten wie „König Richard live #livingthedream“ an Freunde und Verwandte zu tragen. Und dann die gesprenkelten Verbrennungen und der Rauch in den Augen von all den Blitzlichtlampen und dem Magnesium (oder schlimmer, dem Blitzlichtpulver) der Kameras lange vor den Handy-Displays, man konnte kaum den Sonnenuntergang unter tränenden Augen sehen noch die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Das vergessen sie natürlich, wenn sie sich ablenken lassen von den hellen Displays im Dunkel des Kinos, von den konzentrierten Gesichtern in der Bahn (den Blick auf das Tablet gehaftet), von all den rempelnden Schultern der Twitterer auf der Straße. Das vergessen sie nur zu gerne.

Am Donnerstag, die Demo

(Erlebt am 25.9.2014)

Am Potsdamer Platz demonstrieren heute die Psychotherapeuten in grell orangen T-Shirts, denn wie die Farblehre dem Psychotherapeuten noch damals als rotwangigen Studenten riet, sei Orange eine Farbe der Energie und des Aufbruchs, des Aufbruchs der Gehälter, um genauer zu sein, denn die Honorare sollen steigen, so die durcheinandergewirbelten Parolen. Das Reden fällt allen so furchtbar schwer, die ja sonst nur zuhören und nicken, dass sie nun wirr aneinander und ineinander vorbeireden und dabei selbstgemachte Plakate in den Händen schwingen, die niemand lesen kann, da in den Praxen – wo sich vorher in Orangenschale geworfen wurde – nur noch Rohrschachtests übrig waren und nun die Parolen von Geschlechtsorganen, Dämonen und Dutzenden Schmetterlingen durchdrungen werden.

Und während ich mit gesenktem Kopf aus der Mittagspause hinaus und hinein ins Bürogebäude gehe, ducke ich mich, denn gerade haben einige Krawallhähne die bereitgestellten Polizisten entdeckt und bewerfen sie mit Narkotika und Aufputschmitteln und benetzten Zuckerstückchen, die an den schweren Uniformen abprallen und auf den Boden fallen und dann fängt es auch noch an zu regnen und der Zucker schmilzt, die Potsdamer Platz-ansäßigen Tauben fangen plötzlich an, ganz komisch zu gehen und dann zerlaufen auch noch die Rohrschachplakate und betröpfelte und bedröppelte Therapeuten sehen sich und die Enttäuschung ihrer Eltern in den aufgeweichten Parolen, die wie der Rücken des Vaters am Freitagabend aussehen, wie die Dauerwelle der Mutter, die niemals die Fußballspiele besuchte und Tanjas Pferdeschwanz mit Schleife, die Kuh, die doch im Feriencamp nicht knutschen wollte.

Und dann geht das Weinen los und wie von Zauberhand – ich schwöre, so geschah es, kurz bevor sich die automatische Tür zum Bürogebäude öffnete – werden die vor lauter Verzweiflung stürzenden Psychotherapeuten von weichen Chaiselongues aufgefangen, samtenen Kissen und goldenen Armlehnen, die im Regen glänzen. Und da liegen sie wie von den Männern der Renaissance gemalt, die zerknüllten Plakate – mißbilligende Eltern, abweisende Freunde und unfaire Vorgesetzte – in ihren zitternden Händen, die orangen Shirts fast rot, so durchnässt sind sie…