Spaßnahme Tag 7

Den siebten Tag starten wir ohne Zwergponys, in dem Raum, in dem alles begann. Angstschweiß perlt mir die Stirn herunter, immerhin habe ich hier das OZ-Debakel durchstehen müssen, noch heute wache ich schreiend auf, wahllos Rostocker Firmennamen in die Nacht rufend, so als wüssten sie, warum das alles, warum Hunger, warum Krankheiten, warum Kriege. Aber niemand hört meine Schreie nach den Rostocker Stadtwerken…niemand.

Doch dieses Mal ist alles anders, ein Platz in der letzten Reihe wird mir schon frei gehalten, die Stimmung ist gut, denn dieses Mal sind wir im Team. Wir beginnen zum tausendsten Mal mit Tipps zum Bewerben und der elendigen Frage „Wer bin ich?“ Die Reise ins Ich wollte ich nicht buchen, üblicherweise artet das in Hysterie und Angstzuständen aus, ohne Garantie auf Zahlungserstattung.

Es ist der Circle of Maßnahme, wahrscheinlich laufen intern geheime Wetten ab, wer ein und dieselben Tipps am Meisten wiederholt, ohne dass irgendein Kursteilnehmer die Nerven verliert und Amok läuft. Der Gewinner bekommt den goldenen Eulenspiegel für Dreistigkeit. Heister liegt weit vorne, denn nur bei ihm werden zwei inhaltlich identische Folien unmittelbar hintereinander gezeigt.

Danach dürfen wir ein furchtbar schlecht gespieltes, daher aber auch sehr amüsantes Bewerbungsvideo bestaunen, in dem Peter mit wechselndem Bart (mal mit, mal ohne) zusammen mit seinen Freunden auf Jobsuche ist. Neben seinem spontanen Bartwuchs zeichnet sich Peter durch ebenso spontan wechselnde Jacken und eine astreine 90er jahre Techno-Frisur aus (die mit dem Mittelscheitel). Von Peter und seinen Freunden lernen wir die kleinen Details, die man nur in hochqualifizierten Bewerbungstrainingsseminaren lernen kann. Beispielsweise kommt es nicht gut an, wenn man Nuttenstiefel und Minikleid zum Vorstellungsgespräch trägt. Naha, jetzt weiß ich auch, warum ich die Stelle beim Privatradio nicht bekommen habe, dabei dachte ich, dass etwas Glamör immer gut ankommt.

In den Schulpausen stehen Peter und seine Freunde in einer entlegenen Ecke, ein klares Zeichen , dass niemand etwas mit ihnen zu tun haben will, was kein Wunder ist, traue keinem Mann, äh, Jungen, dessen Flaumbart auf dem Weg zur Tür verschwindet  und dann wieder auftaucht. Lediglich Anna macht sich super bei ihrer Bewerbung, obwohl sie auch schuld daran ist, dass sich ihre Freundin wie ne Kiezkatze verkleidet hat und gnadenlos abgeprellt wurde. Das war sicherlich alles geplant, damit sie – ausgestattet mit einem guten Job – endlich aus diesem Loser-Freundeskreis entschwinden kann. Gut so, Anna!

Lehrreich ist das Video allemal, neben dem Vermeiden von Berufskleidung des ältesten Metiers der Welt,  sollte man sich nicht wie zuhause in den Stuhl fläzen, oder – ganz wichtig – kein Koks vor dem Gespräch nehmen. Na gut, das Letzte wurde nicht konkret gesagt, ist aber offensichtlich gewesen, da Peters Kumpel Eric  (bitte amerikanisch aussprechen, also  ungefähr so wie örig) größenwahnsinnig und leicht aggressiv über seine Ambitionen spricht, während er fahrig mit seinen Kokshänden durch die Gegend fuchtelt. So etwas nennt man Method Acting, während die anderen talentlosen H-Schauspieler sich müde mit ihren Texten abkämpfen, legt Örig so viel Gefühl hinein, dass man weinen muss. Dass er für die berührend, ehrliche Darstellung des koksenden Bewerbers den wagemutigen Schritt gegangen und in monatelanger Vorbereitung zum echten Junkie geworden ist, erkennt man sofort. Aber für Örigs Opfer, nun sein Leben lang als Stricherjunge seinen Unterhalt zu verdienen, nur weil er sich erhoffte, durch dieses Bewerbungsvideo seinen Durchbruch zu erlangen und deshalb alles, aber auch alles hinein gelegt hat, wissen wir nun wenigstens, dass man gefälligst nicht vor dem Vorstellungsgespräch koksen soll. DAS kann man doch auch machen, wenn man den Job dann endlich hat (Kallauer-Alarm!).

Im Anschluß machen wir einen Allgemeinwissenstest über Deutschland und Mecklenburg Vorpommern. Oh Gott, ich bin so schlecht im Allgemeinwissen, dass Günther Jauch mich niemals als Facebook-Friend adden würde. Aber ich brauch mir auch keine Sorgen machen, nach sechs Fragen schlagen wir in eine ellustere Diskussionsrunde zum Thema Ost/West-Konflikt um. Die Emotionen kochen hoch in derartigen Diskussionen, allerdings ist es doch etwas anderes, als im studentischen Umfeld, da manche Leute fehlenden Blickkontakt und direktionslosen Bezug auf einen bestimmten Kommentar missverstehen und sich angesprochen fühlen, selbst wenn man sich eindeutig an jemand anderen gewendet hat. Das ist fast so, als würde man Windmühlen bekämpfen, um plötzlich blöd von Windrädern angemacht zu werden.

Das nächste Thema im Brennpunkt: Bildungspolitik. Jaja, auch das ist interessant, denn wenn es um Allgemeinwissen geht, habe ich eh ein gespaltenes Verhältnis dazu. Zumindest denke ich nicht, dass es zum Allgemeinwissen gehört, zu wissen, welche Firmen es in Rostock gibt…….Punkt, punkt, punkt. Aber gut, mit dem Mann, der meint, dass er seine Bildung durch Zoosendungen erfährt, sollte man vielleicht nicht diskutieren. Außerdem ist jetzt endlich das Geheimnis gelöst, warum wir das OZ Spezial über uns ergehen lassen mussten. Weder ein psychologisches Experiment, noch ein sadistischer Zug Heisters, stattdessen der Wunsch, uns etwas mecklenburgisches Allgemeinwissen an zu lernen. Ich könnte eher mit den beiden Alternativen leben, Christliche Missionare sind schon schlimm genug, aber Missionare, die die gute Kunde des Rostocker Arbeitsmarktes verbreiten? Irgendetwas daran ist zutiefst verstören.

Zurück im Zwergponypool dürfen wir uns endlich wieder von den tränenreichen Auseinandersetzungen abwenden und ich kann mich auf meine höchst notwendige Wohnungssuche begeben. Jeden Tag höre ich etwas anderes, ein Spruch nach dem Anderen darüber, wie schwierig, wie leicht, wie viele, wie wenige, wie teuer, wie billig und und und. Allerdings hab ich meine Stasiakte mittlerweile zusammen und kann hausieren gehen. Seh ich ja gar nicht ein, dass ich nach Bärlin fahre, mir wunderschicke Wohnungen ansehe und dann beim Vermieter abgeblockt werde, weil ich nicht angegeben habe, wie laut meine Sprechstimme ist und ob ich unter der Dusche singe und wenn, wie gut. Kaum hat man die Bewerbung für einen Job hinter sich, geht die Bewerbung für eine Wohnung los, genauso hilflos schreibt man eine Mail nach der anderen und wartet mit bangendem Herzen. Das Wohnungsbewerbungstraining könnte ich ganz gut gebrauchen.

Der Tag vergeht nicht schnell, aber wie üblich mit dem Diktieren der Fantasieliste. Heute haben die Fantasieteilnehmer beispielsweise etwas über aktuelle Standards zu schriftlichen Bewerbungsunterlagen und dem Bewerbungsmanagement (kurz BewerbungsMGMT) gelernt. Ein Traum, mit diesen theoretischen Voraussetzungen kriegen die bestimmt sofort den Fantasiejob ihrer Wahl.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s