Am Donnerstag, die Demo

(Erlebt am 25.9.2014)

Am Potsdamer Platz demonstrieren heute die Psychotherapeuten in grell orangen T-Shirts, denn wie die Farblehre dem Psychotherapeuten noch damals als rotwangigen Studenten riet, sei Orange eine Farbe der Energie und des Aufbruchs, des Aufbruchs der Gehälter, um genauer zu sein, denn die Honorare sollen steigen, so die durcheinandergewirbelten Parolen. Das Reden fällt allen so furchtbar schwer, die ja sonst nur zuhören und nicken, dass sie nun wirr aneinander und ineinander vorbeireden und dabei selbstgemachte Plakate in den Händen schwingen, die niemand lesen kann, da in den Praxen – wo sich vorher in Orangenschale geworfen wurde – nur noch Rohrschachtests übrig waren und nun die Parolen von Geschlechtsorganen, Dämonen und Dutzenden Schmetterlingen durchdrungen werden.

Und während ich mit gesenktem Kopf aus der Mittagspause hinaus und hinein ins Bürogebäude gehe, ducke ich mich, denn gerade haben einige Krawallhähne die bereitgestellten Polizisten entdeckt und bewerfen sie mit Narkotika und Aufputschmitteln und benetzten Zuckerstückchen, die an den schweren Uniformen abprallen und auf den Boden fallen und dann fängt es auch noch an zu regnen und der Zucker schmilzt, die Potsdamer Platz-ansäßigen Tauben fangen plötzlich an, ganz komisch zu gehen und dann zerlaufen auch noch die Rohrschachplakate und betröpfelte und bedröppelte Therapeuten sehen sich und die Enttäuschung ihrer Eltern in den aufgeweichten Parolen, die wie der Rücken des Vaters am Freitagabend aussehen, wie die Dauerwelle der Mutter, die niemals die Fußballspiele besuchte und Tanjas Pferdeschwanz mit Schleife, die Kuh, die doch im Feriencamp nicht knutschen wollte.

Und dann geht das Weinen los und wie von Zauberhand – ich schwöre, so geschah es, kurz bevor sich die automatische Tür zum Bürogebäude öffnete – werden die vor lauter Verzweiflung stürzenden Psychotherapeuten von weichen Chaiselongues aufgefangen, samtenen Kissen und goldenen Armlehnen, die im Regen glänzen. Und da liegen sie wie von den Männern der Renaissance gemalt, die zerknüllten Plakate – mißbilligende Eltern, abweisende Freunde und unfaire Vorgesetzte – in ihren zitternden Händen, die orangen Shirts fast rot, so durchnässt sind sie…

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