Spaßnahme Tag 8

Für heute sind persönliche Heister-Evaluationen angedroht, ich als Spezialwurst werde sicherlich ganz besonders in die Mangel genommen. „Wir müssen nachher noch reden…“ meint er, wohl bedacht, meinen Namen nicht aus zu sprechen, weil er den wahrscheinlich immer noch nicht weiß. Wenn man wirklich gemein sein möchte, tut man einfach so, als würde man ihn nicht sehen und beobachtet aus den Augenwinkeln schmunzelnd, wie sich seine Gesichtszüge, die übrigens verblüffende Ähnlichkeit mit einer Schildkröte haben, langsam verkrampfen, im schier unmöglichen Versuch, sich die Namen in Erinnerung zu holen, die wir bereits dutzende Male auf dutzende Papiere gekritzelt haben. Stundenlang kann man den Kampf dann aus den Augenwinkeln betrachten, Lachen unmöglich, sonst fliegt man auf, aber wenn man durchhält, kann man es bestimmt solange schaffen, bis einer auf Toilette muss. Denn selbst in einem Geduldstest sollten echte Gentlemen die Toilettenpause des Gegners respektieren.
Ein persönliches Gespräch mit meinem Antagonisten ist natürlich eine spannende, aber zeitlich völlig unpassende Angelegenheit. Das Seminar geht doch noch drei Tage, da kann es heute unmöglich zum Showdown kommen, das ruiniert doch die Klimax und enttäuscht den Kinogänger, der daraufhin nur noch gelangweilt an seinem Popcorn nibbelt.
Herbert ist heute erstaunlich gut drauf, kein Wunder, der war gestern nicht da, ein Tag in der Freiheit und man gewöhnt sich das mädchenhafte Hüpfen wieder an. Aber keine Sorge, spätestens ab der Mittagspause wird der allgemeine Frust wieder unter seinen Zehennägeln stecken. Der Himmel über den Stadtwerken sieht im Übrigen ganz idyllisch aus, selbst wenn die Welt jetzt untergehen würde, würde ich mit einem Lächeln auf den Lippen in meinem eigenen Blut ertrinkend versinken, gekonnt verdrängend welch Probleme eigentlich in meinem Hinterkopf ihre Eier ausnisten.
Das Gespräch mit Heister kommt unerwartet früh, in unangenehm vertrauter Atmosphäre pflanzt er sich neben mich und überfällt mich mit noch unausgefüllten Fragebögen. Wie kann das denn sein, ich habe doch bereits Wochen damit verbracht, Fragebögen aus zu füllen, irgendwann muss der Irrsinn doch sein Ende haben! Das Gespräch dauert insgesamt 5 Minuten, „als was haben sie denn ihren Abschluss gemacht?“, „M.A.“ „Und was heißt das?“ „Master of Hartz“, haha, ich muss selbst ein bisschen über diesen gekonnten Wortwitz lachen und staunen, den hab ich nicht kommen sehen.
Zum Ende des Gesprächs eröffnet mir Heister, dass ich mich ja eigentlich gut beteiligt habe und ich mir keine Sorgen über die Evaluation machen muss. Na, das hab ich aber auch erwartet, anderthalb Wochen passiv-aggressive Sprüche vom Leder zu reißen ist Schwerstarbeit, ganz erschöpft falle ich jeden Abend ins Bett, heute beispielsweise ist es gerade mal halb Zehn in Deutschland und während andere ihren Knoppers verdrücken, fabriziere ich weltbewegende Wortwitze mit satirischem Flair! Da ist es ja wohl ganz natürlich, dass meine Evaluation gut aussehen wird. Dafür muss mir Heister dann auch nicht vertraulich auf die Schulter klopfen, nein, nein, Antipathie ist schon ohne Körperkontakt schwer genug zu ertragen. Und dann überrascht er mit einer nie zu erwartenden Frage. „Ich hoffe, ihnen hat es zumindest etwas gebracht, sie können auch gerne sagen, was ihnen nicht gefallen hat, ich bin immer offen für Kritk.“ Oh nein, oh nein, das geht doch jetzt nicht. Nicht nur, dass mein Erzrivale dieses zweiwöchigen Abenteuers wie ein kleiner Junge angekrochen kommt und um Zustimmung heischt, nein, jetzt muss ich auch noch abwägen, ob ich meine Frustration wie im Rucksack vergessene schimmelige Schulbrote heraus kramen soll, um das pelzig-schmierige Elend auf dem Tisch aus zu breiten, oder ob ich die letzten paar Tage lieber doch ohne dicken fetten Elefanten im Raum verbringen möchte. Und wer sagt, dass er offen für Kritik ist, knickt meistens bereits bei einer gerunzelten Stirn ein, weinend muss man dann auch noch Sozialarbeit leisten, damit hier keine Schicksale durch Stirnfalten ruiniert werden.
Ich wähle die subtile britische Methode. „Naja, als Kommunikationsstudentin war das ja alles ein wenig wiederholend für mich.“ „Ach, das war ja alles etwas langweilig für Sie.“ „Jaja.“ „Aber ich hoffe trotzdem, dass sie wenigstens etwas Spaß hatten?“ Ich halte mich bedeckt und grinse stumm und mysteriös vor mich hin, die größte Waffe, die jeder Ironiebegabte hat, das ironische Lächeln ist giftiger als eine Kobra, verschlingt alles, was sich ihm in den Weg stellt mit unausformulierter, daher universeller Kritik. Diese stummen Duelle zwischen Heister und mir arten langsam aus, wo soll das denn enden, bis jemand weint oder auf Toilette muss.

In der Mittagspause kommt es zu polizeistaatlichen Ausschreitungen im angehenden Citti. Direkt beim Eingang werde ich vom Teenie-Disse-Türsteher dazu aufgefordert, meinen Rucksack draußen zu lassen, da diese, sowie Taschen, höchst verboten sind auf dem Sicherheitsgelände des Citti-Centers. Im „Markt der Lebensfreude“, wie sich dieses Geschäft mit euphorisch geschwungenen LED-Anzeigen nennt, sind Taschen anscheinend verboten, weil die allgemeine Hausfrauenweisheit, dass Taschen die Lebensfreude stark dadurch mindern, das man niemals etwas in ihnen findet, bei Citti ernst genommen wird. Ungläubig stottere ich einer behandtaschten Frau hinterher, die ohne Probleme durch gelassen wurde. Das Schild am Eingang fordert zwar auch Taschenträger dazu auf, ihre stofflichen Aufbewahrungsbehälter in ein Glaskästchen vor dem Eingang zu lassen, aber der Türsteher meint mit kokettem Grinsen, dass nur Rucksackträger laut Geschäftsführung dazu aufgefordert werden müssen. Eine Schweinerei, hier wird doch eindeutig nach zweierlei Maßstäben gemessen, ich als radikale Alternative(die bekanntermaßen zu Rucksäcken neigen) bin natürlich dazu fähig, den gesamten Laden mit einer legeren Handbewegung leer zu räumen, während Hausfrauen mit zimmergroßen Handtaschen niemals auf die Idee kommen würden, die Zewa Wisch und Weg Tücher mal eben unbemerkt hinein fallen zu lassen. Dabei weiß man doch, dass besonders Handtaschen-Omis und gelangweilte Hausfrauen aus Kick gerne mal die Dose Katzenfutter oder den Stroh80 mitgehen lassen. In Strickkreisen werden die entwendeten Güter auf den Teetisch ausgebreitet und von lila Dauerwellen und blumigen Hemdkleidern bewundert, während kichernd über die inkompetenten Sicherheitsleute hergezogen wird, die stattdessen unschuldige – und zugegeben einfach nur bezaubernde – Absolventen mit Schlagstock und Wasserwerfern niederringen.

Empört weigere ich mich, das Etablissement zu betreten, glücklicherweise ziehen meine Kollegen nach, isolierter Protest nimmt sich immer so traurig aus, aber im markanten Vierergespann kann man schon Eindruck schinden und zum Currywurschtstand abziehen. Na wartet, wenn ich erst mal für die TAZ schreibe, dann wird es aber bitterböse Citti-Hetze geben. Schade, erst im Nachhinein fällt mir der tolle Spruch „das machen Sie doch nur, weil ich schwarz bin“ ein, Schlagfertigkeit ist eine Königsdisziplin und ich bin nur ein Prinz…

Kurz vor Feierabend bricht mitten im Gespräch über zukünftige Berufe Herberts Stuhl zusammen, der Zweite bereits, und splittert die Ecke voll. Bei uns in der Partyreihe hinten wird schallend gelacht, mir bleibt jedoch einerseits aus Schreck, andererseits durch Herberts Gesicht die Lachfalte in der Hautschicht stecken, denn wie aufgegeben sitzt er danach an seinem Computer und wirkt plötzlich – bitte nicht lachen – ganz klein. Das Leben ist schon hart genug als Vollgewichtler, da braucht es keinen Spott, um es noch härter zu machen.
Ein bisschen frage ich mich, wie sehr meine Doppelmoral sich eigentlich selbst aufhängt, immerhin habe ich scheinbar kein Problem, ausführlich über Herberts Äußeres zu philosophieren, benehme mich aber wie ein zickiges kleines Mädchen, wenn es darum geht, etwas Feierabend-erleichternden Slapstick zu belachen. Die Fantasieliste lass ich dieses Mal wieder im Rucksack, was die Fantasie-Jule heute gemacht hat, kann die Real-Jule ja wohl auch am realen Freitag hinschreiben und wenn das der Fantasie-Jule nicht passt, soll sie es doch selbst machen…

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4 Kommentare

  1. sonnenblumenbummsbluete · Oktober 14, 2010

    Also, also… äh… ich MUSS SCHON SAGEN! Das kann ja ein heiteres Jahr werden – für mich. Toll, dass das Seminar anscheinend einen äusserst unterhaltsamen Schreibzwang bei Dir auslöst! Muss jetzt wohl doch wieder öfter vorbeischauen, erst die letzten Tage nachsitzen und dann dranbleiben, dranbleiben…

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  2. RingO))) · Oktober 19, 2010

    Großartig! Ich hätt’s nicht in der Bibo lesen sollen: Lachkrämpfe die nicht nach Aussen dringen dürfen verurachen Krebs ( hab ich mal gelesen)
    GROßARTIG!

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    • fichtenstein · Oktober 19, 2010

      Ich bin ja begeistert ob dem positiven Feedback. Vielleicht sollte ich in einem Call-Center, oder noch besser, als Maßnahmeleiterin arbeiten, um tagtäglich das Grauen in unterhaltsame Texte zu verpacken.

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  3. RingO))) · Oktober 19, 2010

    oder du gehst nochmal zur Schule?! Ich bin es eh leid immer zu Weinnachten die Feuerzangenbowle zu sehen. Die Idee an sich ist viel zu großartig, als dass sie der ole Nazi-Heinz Jahr für Jahr verhunzt.

    Also Jule: Stullen geschmiert und Ranzen aufgesetzt.
    Es kann nur großaritig werden (für den Leser jedenfalls)!

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