Ich vermisse das Treppenhaus

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Im großen Bürokomplex im Herzen Berlins darf man das Treppenhaus nicht benutzen, es sei denn, das Haus brennt oder irgendetwas anderes Schreckliches ist passiert, aber das tut es selten bis gar nicht, weshalb man selbst in den albernen dritten Stock fahren muss und hofft, dass das nicht auf die Hüften geht. So ist man als Büronutzer also dazu angehalten, eine weiße Karte immer und überall dabei zu haben, um den Fahrstuhl zu bedienen (dabei wird zwischen 1-5 und 6-13 Stock kastenmäßig unterschieden, da die Büronutzer aus dem 3. Stock ansonsten ja im 10. Stock die sicherlich qualitativ hochwertigeren Kaffeevorräte aus der Etagenküche klauen könnten). Aus dem Fahrstuhl hinaus in das richtige Stockwerk getreten, muss man die Karte noch einmal zücken (bzw. hat sie gar nicht erst zum erneuten Zücken eingesteckt, sondern hält sie immer noch fest umklammert in den schwitzigen Händen), um aus der Fahrstuhllobby zu den Bürogängen zu kommen. Das hält beispielsweise Gäste der unterschiedlichen Büromieter davon ab, wie wahnsinnig an fremde Bürotüren zu klopfen, weil sie sich verirrt haben. Stattdessen werden sie (schall)sicher auf viel zu niedrigen Talkshowsesseln auf die Geduldsprobe gestellt und dann wie Ikeakinder von den richtigen Büromietern abgeholt.

In den Fahrstühlen herrscht besonders morgens das Fahrstuhl-übliche Schweigen, während dem sich bevorzugt die Büronutzer 6-13 in dem Fahrstuhlspiegel begutachten, die Krawatte zurechtrücken und ihre „soll nicht so aussehen, ist aber eine“-Föhnfrisuren überprüfen. 1-5er werden dabei wie Hotelpersonal behandelt, die zwar anwesend sind, aber derartig unwichtig, dass man sich so verhalten kann als wäre man alleine. Dafür werden beim Hinausgehen von den schon fast durchsichtigen Büromietern aggressive Abschiedsgrüße in die hellen Kabinen geworfen, auf die jede Föhnfrisur reagieren muss, da Höflichkeitsfloskeln im 6-13 Stockwerk zum täglichen Brot gehören. Wurde man ganz besonders ignoriert, schmeißt man das „Einen schönen Tag noch“ im eiligen Hinausstürmen wie eine Handgranate hinter sich und lässt den obersten Stockwerken keine Gelegenheit zum Zurückgrüßen – das geht ihnen an die Nieren.

Wenn ich mal ganz alleine auf einen der insgesamt 6 geräumigen Fahrstühle warte, gönne ich mir indes eine Reise in meine Kindheit, indem ich auf den Kabinenrufknopf drücke und dann stracks auf eine Fahrstuhltür zugehe, noch bevor angezeigt wird, welche der 6 sich nun öffnen wird.

Bürogemeinschaft

„Ist der lecker aussehende Kuchen für alle da?“, fragte vor einigen Monaten ein Zwinkersmiley auf einem Post-It in der Büro-Küche, der neben einem Teller mit ausgerechnet Pflaumenblechkuchen klebte. Wer den deutschen Pflaumenblechkuchen tatsächlich freiwillig und nicht nur höflicherweise beim Kaffee im Garten isst, der sollte wohl auch keinen vorenthalten bekommen, weshalb ein weiteres Smiley-Post-It antworte: „Der Kuchen ist für alle da“. Mit einem kleinen Sternchen rechts über dem „da“ und einer kleingedruckten Fußnote hieß es natürlich noch, dass nur Angestellte und Gäste des Bürokomplexes am prestigeträchtigen Potsdamer Platz als „alle“ zusammengefasst wurden, jeder andere sei eben „die anderen“ und die wollen sicher eh nicht, dürften aber selbst wenn sie wollten keinen Büropflaumenblechkuchen verspeisen.

Diese territoriale Fußnote haben wir nun auch mit einem stumpfen Butterbrotmesser (damit niemand in den mit Kunstdrucken – Miro und Picasso – ausgeschmückten Gängen Amok laufen und Arterien offenlegen kann) auf die Arbeitsfläche geritzt, da seitdem jeder den Pflaumenblechkuchen toppen möchte, was eigentlich nicht schwer ist, aber in Miro-geschmückter Bürokomplex-Manier eben nur in klassischer Hausfrauentristesse vonstatten geht, etwa mit dem spritzigen Papageienkuchen, der ja nun ehrlich gesagt nur ein langweiliger Rührkuchen mit geschmacklosen Zuckerstreuseln ist, oder auch ausgerechnet Butterkuchen, der sich in der leider langen Liste der deutschen Trockenkuchen-Spezialitäten sogar vor dem Pflaumenblechkuchen platzieren kann.

Ab und an gibt es auch Meeting-Buffet-Reste, die schon leicht angetrocknet im Schatten der klobigen Bürokaffeemaschine stehen und darauf warten, dass man sie möglichst ungesehen von den Kollegen in sein Bürozimmer schmuggelt und dort schuldbewusst über dem Papiermülleimer aufisst, damit einen die Krümel unter dem Tisch nicht verraten. Aus Höflichkeit bleibt immer etwas übrig, dafür werden dann auch noch die kleinsten Kuchen- und Buffetrestestückchen in noch kleinere Kuchen- und Buffetrestestückchen geschnitten, bis nur noch einzelne Moleküle auf den Kuchentellern oder Buffetplatten liegen.

senfbuffet@fichtenstein