Vom Wunsch, süß zu sein

“ Ich möchte euch sehr ersuchen, alles zu werden, was ihr wollt (solange es nicht das Tanzen an einer Stange beinhaltet). Also alles könnt ihr werden, nur nicht süß“, schreibt Sybille Berg, die allen Mädchen das Recht erteilt (und es ist wohl erteilen, wenn es „schon gar nicht“ und „Alles (…), nur nicht…“ beinhaltet), das zu sein, was sie sein wollen. Dabei sollte man doch das Recht haben, auch süß zu sein, denn wenn man ALLES sein kann* – so erinnere ich mich düster an Logik-Grundkurse auf halbschiefen Bankreihen – dürfte das „süß“ auch darunter fallen, es sei denn, es ist die Negation des „Alles“, was es jedoch schwierig für Honig und Verhaltensweisen (die ja auch mal süß sein dürfen) oder Anne Geddes-Fotografien machen würde, die plötzlich aus ihrer Existenz herauskatapultiert ins Nichts fallen würden (wobei die Welt ohne etwas Anne Geddes sicher nicht so viel trauriger, bzw. saurer wäre).

Natürlich ist es nicht schön, eine Schauspielerin wie Emma Watson – deren Tagesanzeiger-Story für den Unmut gesorgt hat – gleich in der Überschrift in dieses rosafarbene Stereotyp der „süßen Feministin“ zu drücken, da darf man Frau Berg Recht geben und da darf man sogar mit den Augen rollen, da man von Daniel Radcliffe wohl nie lesen würde, dass er der „süßeste Feminist“ ist. Das sind dann die üblich ungelenken Adjektive, die sich für Clickbait und Co so gut ausmachen, zumal ja wohl alle wissen, dass Feministinnen – auch die Hübschen – für gewöhnlich bitter im Nachgeschmack sind.

Also bitte, Gene, wenn das die Frau Berg wüsste…

Aber bei diesen spontan aufwallenden Frustrationen – die auch mich nicht selten bei derartigen Überschriften überfallen – muss man aufpassen, dass man die Selbstbestimmung der Frau tatsächlich auch selbstbestimmend (ohne Fußnoten und Einschränkungen und selbst mit Stripperstange) sein lässt, denn ansonsten biegt man bei dem arg in die Büsche gefahrenen Alice Schwarzer-„Feminismus“ ab, der die damals notwendig starren Positionen bis heute nicht abschütteln konnte und deshalb den gleichberechtigten Frauen ein gleichberechtigtes Regelwerk an Verhaltens-Verboten (Verona Pooth sein, etwa) mit an die gleichberechtigte Hand gibt. Darunter fallen Familien- und Hausfrauenwünsche, rosa Kleider und Stripperstangen und Adjektive wie „brav“ oder „süß“.

Aber man muss sie – selbst, wenn man dabei zweifelnd die Stirn in Falten wirft – doch einfach so selbstbestimmt sein lassen wie sie wollen, diese Mädchen und Frauen und Ladys und Tussis und was sie sonst noch so sein wollen. Wir kämpfen doch nicht dafür, dass sie von einer in die nächste Geschlechterrolle fallen, sondern dass sie sich bequem aussuchen können, in welcher Rolle (bzw. in welchen Rollen) sie sich selbst gefallen. Das dürfen auch die süßen Rollen sein, die mit Hundebaby-Blick und Schmollmund und Leopardenprintkleid und dem Wunsch, die Frau von jemandem zu werden, der eine oder keine Jacht hat.

*Natürlich ist es von vornerein unwahrscheinlich, dass man wirklich alles sein kann. Ich wage zu behaupten, dass es kein Mensch schaffen würde, eine Raumfahrtstation oder aber ein echtes Häschen zu sein (die übrigens laut Frau Berg ausnahmsweise süß sein dürfen). Aber man lernt ja auch, dass man sich im Argumentationsrahmen seines Gegenübers bewegen soll, daher habe ich diese erste semantische Hürde einfach mal ignoriert.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s