Bürogemeinschaft

„Ist der lecker aussehende Kuchen für alle da?“, fragte vor einigen Monaten ein Zwinkersmiley auf einem Post-It in der Büro-Küche, der neben einem Teller mit ausgerechnet Pflaumenblechkuchen klebte. Wer den deutschen Pflaumenblechkuchen tatsächlich freiwillig und nicht nur höflicherweise beim Kaffee im Garten isst, der sollte wohl auch keinen vorenthalten bekommen, weshalb ein weiteres Smiley-Post-It antworte: „Der Kuchen ist für alle da“. Mit einem kleinen Sternchen rechts über dem „da“ und einer kleingedruckten Fußnote hieß es natürlich noch, dass nur Angestellte und Gäste des Bürokomplexes am prestigeträchtigen Potsdamer Platz als „alle“ zusammengefasst wurden, jeder andere sei eben „die anderen“ und die wollen sicher eh nicht, dürften aber selbst wenn sie wollten keinen Büropflaumenblechkuchen verspeisen.

Diese territoriale Fußnote haben wir nun auch mit einem stumpfen Butterbrotmesser (damit niemand in den mit Kunstdrucken – Miro und Picasso – ausgeschmückten Gängen Amok laufen und Arterien offenlegen kann) auf die Arbeitsfläche geritzt, da seitdem jeder den Pflaumenblechkuchen toppen möchte, was eigentlich nicht schwer ist, aber in Miro-geschmückter Bürokomplex-Manier eben nur in klassischer Hausfrauentristesse vonstatten geht, etwa mit dem spritzigen Papageienkuchen, der ja nun ehrlich gesagt nur ein langweiliger Rührkuchen mit geschmacklosen Zuckerstreuseln ist, oder auch ausgerechnet Butterkuchen, der sich in der leider langen Liste der deutschen Trockenkuchen-Spezialitäten sogar vor dem Pflaumenblechkuchen platzieren kann.

Ab und an gibt es auch Meeting-Buffet-Reste, die schon leicht angetrocknet im Schatten der klobigen Bürokaffeemaschine stehen und darauf warten, dass man sie möglichst ungesehen von den Kollegen in sein Bürozimmer schmuggelt und dort schuldbewusst über dem Papiermülleimer aufisst, damit einen die Krümel unter dem Tisch nicht verraten. Aus Höflichkeit bleibt immer etwas übrig, dafür werden dann auch noch die kleinsten Kuchen- und Buffetrestestückchen in noch kleinere Kuchen- und Buffetrestestückchen geschnitten, bis nur noch einzelne Moleküle auf den Kuchentellern oder Buffetplatten liegen.

senfbuffet@fichtenstein

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4 Kommentare

  1. Muriel · Oktober 7, 2014

    Och. In der richtigen Stimmung kann doch auch ein nicht ganz so origineller Kuchen mal gelegen kommen. Ähm.

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    • fichtenstein · Oktober 7, 2014

      Ich habe so eine wahnsinnige Abneigung gegen trockene deutsche Backwaren, es ist schon nicht mehr feierlich und da mache ich keine Ausnahmen. In wilder Jugend habe ich sogar schon Haschkuchen kritisiert.

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      • Muriel · Oktober 8, 2014

        Ich sehe das ja gar niicht so anders, aber gerade so Pflaumenzeug, mit Streuseln, find ich manchmal gar nicht so übel, wenn man Sahne dazu kriegt, oder zur Not Milch, ohne damit sagen zu wollen, dass ich es mir irgendwo freiwillig bestellen würde.
        Und was heißt hier sogar? Ich meine, es ist ja nicht so, dass Cannabis den Geschmack irgendwie aufwerten könnte.

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      • fichtenstein · Oktober 8, 2014

        Das stimmt, aber merkwürdigerweise verlieren die Leute immer ihre hohen Ansprüche an Backwaren, sobald Mittel zur Stimulierung in den Teig eingearbeitet wurden.
        Und nachdem ich deinen verhältnismäßig sehr kleinen Beitrag gelesen habe, tun mir jetzt deutsche Bäcker leid, denn ja, um mal etwas Neues zu finden, muss man sich schon durch einige Backstuben durchfragen.

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