Spaßnahme – Tag 6

Meine Befürchtungen, über das Wochenende aufgedeckt zu werden, um als KG-Verräterin da zu stehen erweist sich als vollkommen unbegründet, lächelnde Gesichter strahlen mich an, fürs Erste ist meine Doppelidentität als investigative Journalistin gesichert.

Die Woche beginnt mit einer kleinen Odyssee durch die Räumlichkeiten des immergleich aussehenden Siemens-Gebäudes, dann werden die Fantasiepläne verteilt, sowie eine Androhung, ab Mittag in einem Zwergpony-Losen Raum um zu ziehen, wo sicherlich ein weiteres motivationsloses Grauen im Vorlesen unsinniger Zeitungsspeziale auf uns wartet.
Meine Zeit habe ich mir übrigens damit vertrieben, meinen Kollegen „2 girls and 1 cup“ nahe zu legen, ich Schwein, selbst habe ich das Video nie gesehen, sondern nur feige die Wikipedia-Zusammenfassung gelesen. Solche Sauereien kann ich nur im Text ertragen, aber anderen bürde ich gerne die knallharte Dreckigkeit der verkommenen Pornoindustrie auf.
Über das Wochenende habe ich ebenfalls fest gestellt, dass ich über die letzten paar Tage einen recht dicken mecklenburgischen Akzent aufgelegt habe, der auf Gläserrändern Abdrücke hinterlässt. Ich gehe davon aus, dass es der innere Mecklenburger in mir ist, der sich auf die Berlin-Assimilation vorbereitet und versucht, sich gegen den Drang, nach zwei Wochen in der Hauptstadt Berlinerisch zu fingieren, wie Lena Meyer Landruth ihren britischen Fantasieakzent . Diese Angewohnheit der Zugereisten ist nämlich äußerst befremdlich, ähnlich wie spontan auftretendes Englisch-Gerede auf Partys, das besonders gerne von Leuten praktiziert wird, die selbst Westerwelle ob ihrer phonologischen Defizite die Schamesröte ins Gesicht treiben würden.

Unerwähnt blieb Freitag übrigens, dass Heister mit einer Kursteilnehmerin älteren Semesters kecke Flirtversuche gestartet hat. Ich habe genau gesehen, wie er ihr beim Vorbeischerzen ganz nebenbei auf den Pöker klapsen wollte, sie aber Schulmädchen-kichernd auswich. So geht das hier, einsame Herzen in der Bewerbungsmaßnahme, oder heiße Affären…na, da denk ich mal lieber nicht weiter drüber nach, dass will niemand im Kopfkino sehen.

Vor den Fenstern ist so dicke Suppe, dass ich die Option des Stephen King Horrorfilms nicht ganz ausschließen kann, Endzeit-Stimmung draußen, ausgelassenes Burn-Out-Syndrom drinne, während die kahlweißen Skelette der Stadtwerke durch das dichte Wassergemisch hindurch scheinen, nerven wir uns gegenseitig mit Dallerei und wahllosem Googlen. Alles muss jetzt sinnlos inhaliert werden, denn in knapp zwei Stunden müssen wir in den Raum der chinesischen Heister-Folter, wieviele Anekdoten dieser Mann noch in seiner Tasche hat, niemand weiß es, da müssen die farbenfrohen Verlockungen des WWW im Kurzzeitgedächtnis abgelegt werden, um unter emotionaler Anekdoten-Folter das Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Als wir nach der zweiten Ziggi-Pause wieder einmal gestapelt vor der Tür stehen und auf Heister warten, macht er seinen Auftritt dramatisch. In Zeitlupe geht er starrend an mir vorbei, eine Herausforderung vor dem Herrn, hier wird mit dreckigen Mitteln gekämpft. Wenn ich mir jetzt kein Lächeln abringe, werde  ich schon wieder angezählt, ich bin aber heute viel zu müde, um locker flockig zu reagieren. Unter sehr viel Mühe kämpfe ich mir ein Lächeln ab, das so unglaubwürdig ist, dass es eigentlich gar nicht mehr in der Realität, sondern nur noch in der Metaphysik existiert. Aber ich komme damit durch, mindestens 3 Sekunden lang starre ich dem Biest in die Augen und versuche nicht ausfallend zu werden. Noch einmal werde ich diesen Hochleistungsakt heute jedoch nicht schaffen, soviel vorgespielte Vertrautheit tut mir nicht gut, beim nächsten Mal gibt es wieder bleierne Mundwinkel und sarkastische Kommentare, ansonsten bricht mir noch mein Kiefer raus. Soviel Dreistigkeit muss man aber auch haben, es ist offensichtlich, dass sich hier zwei Weltgegner gefunden haben, Heister und ich, das Duell der Giganten, ich mit meinem unschlagbaren Witz und den arroganten Überlegenheitsgefühlen der Absolventen, er mit dem unermüdlichen Optimismus, den besonders unqualifizierte Seminarleiter mit sich herum schleppen und dem Mallorca-Humor, der Gift für jeden Nerd ist.

Direkt nach der Mittagspause die Erleichterung, der Trockenraum ist gecancelled, wir dürfen auch weiterhin bei den Zwergponys bleiben. Dazu müssen wir aber wieder eine lose Vortragsreihe von Heister mit dem Namen „50 Bewerbungstricks“ ertragen. „10 Bewerbungstricks“ wären mir lieber gewesen. Ich zeige bereits zum Anfang Bereitschaftslosigkeit, als ich auf die Frage, wie man sich im Marketing vor der Bewerbung verhalten soll mit leerem Gesicht und rebellischer Attitüde blöd komme. Heister testet die frisch eingeführte Namensliste und haspelt sich teilweise drastisch durch die Nachnamen der Beteiligten. .

Wäre ich nicht so platt, würden jetzt verbale Orkane auf das Blatt wirbeln, aber wieviele Variation kann die schmunzelnde Parodie ein und desselben Themas hergeben? Bereits zum vierten, vielleicht sogar fünften Mal (ich drifte ja auch gerne mal ab) reden wir nun schon über unsere Stärken und Schwächen und unsere Ziele und Erfolge, Ideale und Psychosen, das schlecht geheuchelte Interesse Heisterseits ist fast so ermüdend, wie die stereotypischen Antworten, die wir mal mehr mal weniger euphorisch über unsere Zungen rollen lassen.  Hier offenbart sich auch die Achilles-Sehne dieser Veranstaltung; anstelle der theoretischen Informationen, Grundlagen und Geheimtipps artet das Seminar in eine plauderhafte Talkshow aus, mit einem egozentrischen Dauerhuster als Gastgeber und motivationslosen Gästen, die zu müde zum Pöbeln sind.
„Wie sehen sie ihre Aufstiegsmöglichkeiten, Herr Waack?“ Pause „Äh, Frau Waack.“
Aufstiegsmöglichkeiten, wenn ich das Wort schon höre. Da muss man ja davon ausgehen, dass man denkt, dass man derzeit am Boden ist.

Es hegt sich der Verdacht, dass Heister aus Mangel an Material das Programm der Vorwoche unauffällig wiederholen möchte, nur weil wir in einem anderen Raum sitzen, heißt das aber nicht, dass wir das Deja-Vu nicht auf seine Grundursache zurück führen können.
„Ich geh jetzt mal von mir aus“ ist der Standard für Heister, um Uninformation los zu werden. Schon wieder eine Zeitreise, die letzte Woche hat es nie gegeben, das bilden wir uns alle nur ein. „Spiralhefter, sie wissen, was das ist, das sind die mit den Spiralen.“
„Frau Waack, sie schreiben doch noch mit Füller, schreiben sie gerne mit Füller?“
Heister ist der Albtraum jeglicher mündlicher Prüfung, kein Mensch kann sich auf die inhaltsleeren Fragen ins Nichts vorbereiten, denn hier werden Meinungen über Dinge erfragt, über die man sich niemals Gedanken macht. Wann saß ich das letzte Mal nachdenklich am Meer und sinierte über meine Vorliebe oder Abneigung mit Füller zu schreiben? Stundenlang, ich erinnere mich, wog ich ab, wie die elegante blaue Tinte über das Papier gleitet wie ein Eiskunstläufer, fast sinnlich zeichnen sich die Buchstaben auf die weiße Fläche ab. Ein Festspiel an Ästhetik und Inhalt.
„Ja, ich weiß nicht, irgendwie…vielleicht, also wenn ich mal…dann, schätz ich mal ja.“
Man muss einfach davor kapitulieren, „Wie wichtig ist eine innere Uhr beim Bewerbungsgespräch“, „Schreiben Sie gerne mit Füller?“, Was könnte man unter Kälte verstehen?“, Quit pro Quo ist sein Motto, für jede ehrliche Antwort wird man für ca. 10 Minuten in Ruhe gelassen, ABER der Clou an der Sache ist, dass es keine ehrlichen Antworten zu diesen Fragen gibt, Heister ist ein Savant, wenn es darum geht, das Unfragbare zu erfragen, die Sphinx könnte es nicht besser, denn Niemand hat eine Meinung zum Füllerschreiben oder die Rolle der inneren Uhr bei einem Bewerbungsgespräch. Aber vielleicht, nur vielleicht ist es Heisters Weg, etwas über die menschliche Rasse zu erfahren, denn tatsächlich kommt er aus einer Parallelwelt und sucht seit Jahren eine Möglichkeit, sich in der Welt der Menschen zurecht zu finden. In seiner Fremdartigkeit gibt es für ihn keinen Unterschied zwischen Wichtig und Unwichtig, für ihn ist alles mysteriös und faszinierend, wie er es trotzdem geschafft hat, sich als Seminarleiter durch zu setzen ist ein Rätsel, so wie Heister selbst, so wie wir für Heister. Seine immerwährende Suche nach dem Wesen der Menschen führt er fort, indem er menschliche Eigenschaften erfragt.

Ca eine Stunde vor Schluß verabschiedet sich Heister und hinterlässt uns den gebrechlichen Firentz, vielleicht, um seine Ergebnisse in den Bordcomputer seines Raumschiffes ein zu speisen. Sollten wir in einem Anflug von Wut die Nerven verlieren, könnten wir den sicherlich locker an den Kleiderhaken hängen. Bei Heister wäre ich mir nicht so sicher, der sieht so aus, als würde der die enormen Kräfte eines Lebemannes mobilisieren können, um mindestens drei von uns schwer zu verletzen, bis wir ihn endlich mit Roundhouse Kick KO kriegen würden.

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