Spaßnahme Tag 5

Der fünfte Tag bringt völlige Routine, außer, dass man auf Wunsch Fotos machen lassen kann. Natürlich der Maßnahme entsprechend total unprofessionell, noch nicht einmal eine Spiegelreflex gibt es dazu, da lach ich doch. Vor eleganter Raufasertapete können bräsige Gesichter aufgenommen werden. Im tristen Licht der Maßnahmenräumlichkeiten wird die Frustration durch die Linse maximiert und legt sich unter die Augenringe der Hartzer Übernächtigung.

Auf der Rückfahrt am gestrigen Tag habe ich mit dem einzigen anderen MA-Studenten einen akademischen Geheimbund geschlossen. Irgendwie findet man sich doch immer, selbst wenn man nicht will, das ist wie im Ausland, wo man schlussendlich immer die 10 Deutschen findet, die dort herum schwirren, auch wenn das alles ganz schreckliche Menschen sind, mit denen man niemals etwas zu tun haben wollen würde, aber obskure Gemeinsamkeiten, die nichts mit Chemie oder Persönlichkeit zu tun haben, verbinden in der Fremde, daher ist die Frage, woher man kommt, auch so integral in ätzenden Kleingesprächen. Gemeinsam lamentierten wir über die schweren Schicksale, die man als MA-Arbeit schreibender, gepeinigter Student durchstehen muss, wenn man zusätzlich auch noch ein paar Knödel dazu verdienen muss. Was haben wir gelitten in den Monaten der Entbehrung, eine seelische, als auch intellektuelle Achterbahnfahrt.
Von jetzt an wird es eine ungeschriebene Übereinkunft zwischen uns geben, was immer auch passiert, wir werden uns auf jeden Fall für etwas Besseres halten.

Heute geht die Zeit wieder einmal erschreckend langsam voran. Ich weiß gar nicht, wie das erst nächste Woche werden wird. Ja, nicht nur Superman gelingt das Unmögliche; in den einengenden Räumen des Siemens-Gebäudes gestarrt die Welt zu einem Stillleben aus gescheiterten Existenzen und widersetzt sich dreist dem Grundwunsch aller, das so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Stattdessen scheint der verzweifelte Drang, aus dem kalkigen Gebäude heraus zu kommen, entgegengesetzt zu wirken und die physischen Gesetze außer Kraft zu setzen. Wir reisen zurück in die Zeit, ohne De Lorean fahren wir Doc und McFly nach, aber unsere wilden Abenteuer bestehen darin, Heisters schicksalhaftes Leben als untalentierter Gruppenleiter im Zeitraffer zu verfolgen und das noch nicht einmal populär gewordene Internet nach noch nicht einmal eingestellten Jobs zu durchsuchen. Während Minipli und Lederwesten regieren, sitzen wir im ungebauten Siemensgebäude und sehnen unseren ungeborenen Jugendträumen nach.
Meine Fantasien werden dadurch unterbrochen, dass ich mein Fahrgeld abholen kann. 16,50 (O-Ton Heister „So viel!“, „Tja, Wochenkarten sind teuer“). Als Herr Heister noch jung war, konnte man damit nicht nur drei – zugegeben anspruchslose – Frauen ausführen, sondern auch noch eine Runde Korn in der Stammkneipe ausgeben und hatte dann noch etwas übrig für das neuste Schunkelalbum der aktuellen, weil zeitlos-alten Schlagerstars. Die Frage, ob ich auch ein Foto machen möchte, verneine ich, woraufhin Heister nur sarkastisch meint „Nein, sie ist wunschlos glücklich“. Die Aversion gegen meine ‚schnippische‘ Mickey Mouse Art kann man aus der Luft heraus schneiden und an die Wand nageln.
Eruptionsartig kommt Herbert immer mal wieder mit Kommentarbröckchen an die Oberfläche seiner schwulstigen mit karierter Baumwolle bedeckten Gebirgslandschaft. Mittlerweile hört niemand mehr hin, wie wabernder grüne Nebel hängt die Abneigung der anderen um seinen roten Kopf und kreist im Orbit.

Geil, ein schlecht gemachtes Video bringt die Stimmung wieder zum Kochen.
„Überlege dir, ob es dir bei dem Arbeitsplatz gefallen würde.“ „Lasse dich nicht durch Absagen ermutigen.“ „Jedes Erfolgserlebnis ist eine Chance, die du dir selbst ermöglicht hast.“
Die Protagonistin der spannenden Story könnte ebenso gut die Protagonistin in einem Horrorfilm sein, sie spielt auch genauso schlecht. Leider kann sie das Wort „Grafikdesign“ nicht ganz so gut aussprechen, naja, das lernt sie ja vielleicht in der Ausbildung dazu.
Mein Favorit ist eine eher zusammenhanglose Verdeutlichung, dass der Lebenslauf nur den Rahmen einer Bewerbung bildet. Ein kitschiger Oma-Wohnzimmer-Bilderrahmen wird dann auf einen Tisch gefeuert, worin mit einem „boing“-Geräusch der besten Slapstick-Kategorie das Gesicht der Protagonistin auftaucht. Herrlich, da waren echte Visionäre am Werk und haben versucht, das Erlebnis Bewerbung so bunt und aufregend wie möglich zu verpacken. Schade, dass das Gesicht unserer Heldin dabei weiterhin so aussieht, als wäre ihre Mitwirkung im Video Teil einer Zwangsmaßnahme.
Die Ausgelassenheit, die besonders die letzten Reihen an diesem Freitag in Partylaune bringt, umfasst auch Herrn Heister, der unvermittels seine Musiksammlung auspackt und alle Klischees bestätigt, die ich in meinem vorurteilsbelasteten Gehirnwänden zusammenfabuliert habe. Partyhits ziehen wie Kampfbomber durch den Raum. Immer wieder muss man sich als Musiknerd fragen, warum Menschen mit einer extensiven Partyhits-Sammlung niemals vor Scham zerlaufen, wenn sie ihre Lieblingssongs durch die Gegend brettern, wo man selbst schon verlegen zu nuscheln anfängt, sobald sich ein ABBA Song in der Playlist verirrt.
Seine Vietnam-Fotos können wir leider nicht sehen, weil er schon wieder nicht mit den Computerprogrammen klar kommt, aber vielleicht auch ganz gut, spontan denk ich an Sextourist Heister, der mit Euroscheinen um sich schmeißt und jungen Mädchen oder Jungs lüstern hinter her blickt.
Wie vorhergesagt, kommt die erste große Gefühlsbekundung pünktlich zum Wochenende.
„Ich glaube, so viel wie diese Woche habe ich die letzten 9 Monate nicht gelacht.“
„Wieso, bist du schwanger gewesen?“
Der Mitstudent ist also weich geworden.
Obwohl meine Meinung über Heister von den Meisten geteilt wird, ist die Grundstimmung ihm gegenüber erstaunlich friedfertig. Dass seine Kollegen nachvollziehbar weniger Respekt vor ihm haben und immer mal wieder mit den Augen rollen, wenn wir mal wieder vor dem Raum stehen und warten, oder er mit den Computern nicht klar kommt, hat anscheinend dafür gesorgt, dass die anderen ein 9/11-Story mäßiges Kollegialsyndrom entwickelt haben, bei dem ein definierter Gegner (die anderen Seminarleiter) von der Inkompetenz der eigenen Gruppenindividuen ablenkt. Mein zuvor witzig gemeinter Vorschlag, mit der parallelen Seminargruppe einen Westside Story Messerkampf aus zu tanzen, scheint sich tatsächlich in die Realität zu zwirbeln. Jetzt muss ich vorsichtig sein, denn auch wenn ich die kreative Freiheit genieße, die mir ein motivationsloser Gruppenleiter ermöglicht, bin ich vom Grundprinzip her höchst erbost, meine wertvolle Zeit im Industriegebiet Rostocks zu verschwenden,  ohne zumindest den Ansatz von Anstrengung Heisterseits zu erkennen. Jegliche Äußerung meiner auf Dauer geplanten Rezensions-Attacke zum Ende des Seminars hin könnte mich schneller als Lichtgeschwindigkeit  in die Außenseiterposition verfrachten, wo Herbert bereits lächelnd mit Schockoladenanekdoten und krustenden Fußnägeln auf mich wartet.

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