Spaßnahme Tag 4

Mein Ausflug in die berlinerische Freiheit wird abrupt von der tristen Realität eingeholt, heute geht es wieder flockig weiter. Mittlerweile ein anerkanntes Mitglied der letzten Reihen werde ich euphorisch begrüßt, jede individuelle Erfolgsgeschichte ist eine Erfolgsgeschichte für die Gruppe.

Die Grenzen austestend fange ich jetzt schon an, Musik zu hören, meine Blogs zu schreiben und eine Homepage zur Neuinterpretation des Christentums auf die Beine zu stellen. Mit Supershirt auf den Ohren bratze ich mich durch das Internet, eigentlich ist es fast so wie zuhause, nur ohne Katzen. Ach was, die bring ich morgen einfach mit, stört doch eh niemanden. Wahrscheinlich ist Heister auch deshalb erstaunlicherweise beliebt, denn bis auf das Getränkeverbot im Raum ist diese Art der Maßnahme eher mit einem Besuch im Internetcafe zu vergleichen. Maßnahme statt Urlaub, wer eine Hängematte und einen Pina Colada Mix mitbringt, der kann sich das Cocobana-Feeling in den tristen Seminarraum holen.

Herbert hat sich wieder ins Aus katapultiert, meine Vorausahnungen am ersten Tag waren doch richtig. Jetzt besetzt er schon den Drucker seit ner halben Stunde und dann will er noch seine Geldkarte kopieren – aber nur in Farbe. Das Problem ist, dass Herbert nach seinem doch recht gut gelaunten ersten Tag stark abgebaut hat und nun vorwiegend durch Rumpöbelei auffällt. Dick sein und unfreundlich zieht immer Unmut nach sich, da muss man schon gertenschlank und wunderschön sein, um sich solche Spirenzchen leisten zu können.

Mittlerweile hat die Aktivität in der Maßnahme einen Tiefpunkt erreicht. Es ist mir ein Rätsel, was in der nächsten Woche gemacht werden soll, auf dem Fantasiestundenplan steht bereits alles Notwendige, es sei denn, wir müssen noch auf den spontanen Fall vorbereitet werden, dass Terroristen während des Bewerbungsgespräches in das Büro einfallen und uns als Geiseln nehmen. Wie man da gut vor dem Chef aussieht, indem man sich heldenmütig vor ihn wirft, wenn die Schüsse abgefeuert werden, kann da ja im passenden Rollenspiel gelernt werden, natürlich nur mit echten Kugeln, nur die Harten komm‘ in Garten.
Dazu kann der Heister dann aber keine Anekdoten erzählen, in der DDR gab es ja – neben Bananen und Levis – auch keine Terroristen. Nur Herrn Heister. Der Terrorist der gut geplanten Bewerbungsseminare.

Das Blöde ist natürlich auch, dass – wenn nichts passiert – ich nur ein dünnes Heftchen und kein Buch zusammen bekomme, das kann es doch so nicht sein, das ist doch hier mein literarischer Durchbruch, der mich sowohl auf die Spiegel-Bestseller-Listen als auch die Bild-Titelseite bringt. Vielleicht denke ich mir einfach etwas aus, lasse tatsächlich Terroristen in den Zwergponypool einlaufen und schreibe eine packende Schicksalsstory. Ach, scheiß auf Terroristen, wenn man nach den Verkaufszahlen geht, sollten Vampire, Zombies oder andere Monster viel mehr einbringen.

Wenn dies ein Stephen King Roman wäre, würden die Wochen mit viel zu intimen Geständnissen enden, bei King eine Spezialität. Irgendwann wären wir alle ein eingeschworener Haufen, aber einer wäre im Laufe der Belagerung wahnsinnig geworden und eine (in King-Romanen immer weiblich) würde auf den totalen Jesus-Trip kommen, um schlussendlich von uns allen in Übereinstimmung niedergeschlagen oder sogar getötet zu werden. Niemand würde eine Träne vergießen und wir alle würden wissen, dass es richtig so war. Ich frage mich, wer von uns dafür in Frage kommen würde. Vollgepackt mit Mecklenburgern sieht es diesbezüglich schlecht aus, mit Religion haben wir es hier im Norden nicht so und mit überbordenden emotionalen Religionsbekenntnissen noch weniger. Sicher ist jedoch, dass ich aufgrund meiner Geekigkeit leider nicht die Rolle der Protagonistin oder weiblichen Hauptrolle  übernehmen kann, die sind nämlich attraktiver, aber auch immer so langweilig, dass man ihre ausgewaschenen Persönlichkeiten nur unter Extremsituationen wie Alien-Entführungen und Monster-Belagerungen ertragen kann. Ich hingegen würde die allseits beliebte Rolle der witzigen besten Freundin spielen, die in der zweiten Hälfte sterben muss, allerdings dann auch schon vom Publikum beweint wird (ganz im Gegensatz zur noch zu besetzenden Bibel-Fanatikerin). Im eigenen Blut liegend würde ich mit meinem letzten Atemzug einen Witz von meinen Lippen ringen und halb weinend, halb lachend würden meine Kollegen um mich herum stehen, während meine Eingeweide langsam aus der tiefen Bauchwunde herausgleiten und sich auf dem Boden verteilen würden. Ich würde sogar jemanden hinterlassen, der sich in den letzten drei Tagen unsterblich in mich verliebt hat, aber – es soll nicht sein, wenn die Gedärme durch den Raum gleiten, dann hilft auch die Liebe nicht mehr.

Als es hinter uns durch die Fenster plötzlich tierisch knallt, scheint sich mein Wunsch nach Bestseller-Verdächtiger Abwechslung erfüllt zu haben. Aber außer ein paar Rauchwolken von der anliegenden Fabrik, lässt sich nichts erkennen. Als wir nach einer halben Stunde trotz offenem Fenster immer noch quicklebendig im Raum sitzen, muss ich schweren Herzens die ätzenden Dämpfe ausklammern, aber vielleicht zeigen sich in ein paar Tagen interessante Mutationen, Daumen drücken und abwarten.

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