Spaßnahme – Tagebuch einer Maßnahme/ Teil 1: Montag

Schon eine Stunde in das Seminar rein arten die Gespräche in große Betroffenheitstalks aus, wenn das jetzt schon so gefühlvoll losgeht, wie soll das erst in einer Woche werden? Tränenreiche Geständnisse, Gruppenumarmung und die Selbstfindung im Sitzkreis, mein mecklenburgisch verschlossener Charme kommt mit soviel Seelenpolka nicht klar, da krieg ich Ausschlag von und geh ins Zyniker-Tourette.
Daher hat mich der Gruppenleiter – Herr Heister – auch schon jetzt auf dem Kieker. Dummerweise hab ich in einem Anfall von Leichtsinn erwähnt, dass ich doch tatsächlich studiert habe. Als Fachkraft für Studentenkram und so bin ich nun im Gespräch, wann immer irgend etwas studentisch-kramiges in die Runde geworfen wird.
“Macht man denn auch Assessment Tests im Studium?”
“Nee.”
“Wieviel kostet denn so ein Studium?”
“Ja nicht so viel, in Rostock ist ja noch ohne Studienkosten.”
“Und wieviel würde es so kosten?”
“Keine Ahnung, wie gesagt, in Rostock ist ja noch ohne…”
Ein Springbrunnen an studentisch-fachwissenschaftlicher Kompetenz kommt aus mir heraus getröpfelt, gratis dazu gibt es vergnatzte Müdigkeit und bleierne Mundwinkel. Daraufhin werde ich dann auch mehrmals aufgefordert, doch endlich mal zu lächeln. Woher so was nur immer kommt, Lächler sind doch allgemein für ihre Naivität bekannt, oder noch schlimmer, werden für nicht ganz dicht gehalten. Klar, unter Freunden darf gerne mal ausgiebig gelächelt werden, manchmal sogar minutenlang, aber unter Fremden verzerren sich die Mundwinkel zu grotesken, klaffenden Schlündern, die den Wahnsinn in sich tragen. Niemand lächelt unter Fremden, außer er ist betrunken, bescheuert oder ein elendiger Hippie.

Die Gruppe ist bunt gemischt, schon jetzt macht sich – ich nenne ihn mal Herbert – Herbert ganz ausgezeichnet als Sündenbock für etwaig auftretende Aggressionen, als nerviger Klugscheißer, der immer zuviel erzählt und zu oft nachfragt. Eigentlich eine Spezialität meinerseits, aber ich will meine Rolle als Rebell without a cause nicht aufgeben und schmoll daher weiter in der Ecke, während ich versuche, Herberts gigantischen Bauch auf Papier zu bringen. Neben seinem Bauch, der so aussieht, als hätte sich Herbert ein großes Daunenkissen unter das Hemd gestopft und das sei dann etwas sehr weit hinuntergerutscht, hat Herbert auch noch einen winzigen Kopf, der gar nicht so dick aussieht, wie der Rest von ihm. Vielleicht ist Herbert auch ein Schauspieler, der sich in einen Fett-Anzug einer 80-jährigen Frau gezwängt hat. Aber nein, die Zehennägel verraten ihn. Denn obwohl draußen herbstlich kühle Temperaturen herrschen, trägt Herbert Sandalen und darin gelb-knusprige Zehennägel, die aussehen wie frittierter Schweinespeck auf Füßen verteilt.

Trotz gilbender Fußbenagelung und enervierender Nachfragerei schafft es Herbert dennoch mit seinem Dicken-Charme die Menge nach der Mittagspause auf seine Seite zu ziehen. Meine Angst, dadurch schnell in die Rolle des Lynchmob-würdigen Außenseiters zu rutschen – alle anderen haben sich mittlerweile schon dick angefreundet – darf jedoch unbestätigt abziehen, denn der Gruppenleiter Heister entpuppt sich als schamloser Selbstinzenierer. Anstelle hilfreicher Bewerbungstipps gibt es einen ausführlich erläuterten Lebenslauf von ihm, in dem wir die Leidensgeschichte des Herrn H mit anhören müssen. Den Spott, der unweigerlich aus allen Seiten und Ecken geschossen kommt, ignoriert Heister wie ein Profi.
Und dann – unfassbar – scrollt sich Herr Heister durch 88 Seiten OZ-Spezial über den Rostocker Arbeitsmarkt. Scheinbar wahllos liest er Firmennamen vor, begleitet von “Na das wäre doch auch etwas.” oder “Das könnte man natürlich auch machen” oder “Bei denen könnte man auch mal anfragen, fragen kostet ja nichts, sach ich mal so.”.
Die Spitze der Unglaubwürdigkeit schraubt sich immer weiter nach oben, das ganze Spektakel entwickelt sich vor unseren staunenden Augen zu einem dieser Gags, in denen der Protagonist aus lauter Not in einer scheinbar logisch zusammenhängenden Aufzählung einfach nur Dinge nennt, die in sein Blickfeld geraten.
Immer wieder gleitet meine Aufmerksamkeit von der spiegelglatten Bahn, die Heisters Wahnwitz gegossen hat. Immer wenn ich mal wieder auftauche, schlagen mir Themen entgegen, die wie Dittsche-Gebrabbel um meine Ohren flattern: “Ja, das war ja damals noch ein Limonadenstand, da gabs dann Limonade”,  “Bei Steuererklärungen sieht ja auch keiner mehr durch, nichts mit aufn Bierdeckel schreiben“, niemand weiß, woher er die Themen nimmt, die Anzeigen der OZ ziehen üble Assoziationsketten bei Herrn Heister nach sich, der in die Untiefen seines ewigen Daseins greift, um eine sinnlose Anekdote nach der anderen aus dem Ärmel zu ziehen.
Dann eine Seite mit Werbung für Caravane “Ja, wenn man es sich leisten kann, dann sollte man sich schon einen Caravan kaufen.”
Das Stanford-Experiment ist nichts gegen unser kleines Hartzer-Biotop.
Frage: Wie lange lassen sich die Testpersonen von einem Wahnsinnigen aus einer Zeitung vorlesen?
Antwort: Bis zum bitteren Ende!
Knallhart zieht Heister durch, jeder andere hätte schon schamvoll Muffensausen gekriegt und spätestens ab Seite 40 abgebrochen, darauf hinweisend, dass wohl jeder in der Runde verstanden haben möge, worum es hierbei ging (Zeitung lesen?!).
Aber nicht Herr Heister, da können Terroristen durch die Fensterscheiben geschossen kommen, um uns nacheinander die Köppe zu zerballern, Herr Heister zieht durch bis zum bitteren Ende, bis zum bitteren, sinnlosen, rotgeränderten Ende.

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Ein Kommentar

  1. Heinrich · Juli 15, 2016

    Vielen Dank für diesen Einblick.
    Nachdem ich ein Weichen über diverse Maßnahmen der Jobcenter recherchiert habe, glaube ich, wenigstens eine Gemeinsamkeit gefunden zu haben. Zwischen der offiziellen Maßnahmebeschreibung, die sich oft noch recht gut anhört, und ihrer Durchführung, also der Realität, bestehen doch sehr große Unterschiede. Spätestens wenn mann mitten drin steckt, in dem Schlamassel, bemerkt man die absolute Sinnlosigkeit und möchte fliehen – so ist es jedenfalls mir und den meisten anderen, die ich zu dem Thema befragt habe, gegangen.

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