Abenteuer beim Vorstellungsgespräch aka „Ja da kann man sich doch nicht nur hinlegen“

Der Tag fängt gut an, pünktlich aufgewacht, frisch gemacht, Sachen gepackt und ab die Post.
10 Minuten zu spät am Bahnhof, teuer Ticket nachgekauft, 45 Minuten warten. Die Moral von der Geschicht: Abfahrtszeiten möglichst vor der Abfahrt überprüfen.
Im Gepäck die typischen Materialien des arbeitssuchenden-aber-noch-Studenten: postmoderne Litertatur zur Vorbereitung des noch bevorstehenden Kolloquiums, Bewerbungsmappe (laut Mutti sehr wichtig, da Personalabteilungsleiter anscheinend Wert darauf legen, dass man ihr siebendes Gedächtnis vorausgeahnt hat, so dass sie die schon geschickten Bewerbungsunterlagen ruhig vermöllen können), ein paar Wechselschuhe, die unbequem sind, aber dafür nicht ganz so assi aussehen, wie die ultra-hippen, im Berufsleben jedoch oft verpönten Turnschuhe und Haarwachs, damit die neue „freche“ Kurzhaarfrise nicht zum Grund der Absage wird, das sollte schon meine abstoßende Persönlichkeit übernehmen.
Mein hypothetischer Arbeitsgeber ist ein Privatradio im so genannten AC-Format, was soviel heißt wie „Adult Contemporary“, da die Musikindustrie davon ausgeht, dass Erwachsene nur ca. 40 verschiedene Songs im Kopf behalten können und diese dementsprechend oft am Tag hören müssen, damit sie sie auch ja nicht vergessen. Natürlich inklusive dem Besten aus diversen Jahrzehnten, die ebenso auf maximal 5 Songs reduziert werden. Derweil türmen sich Platten und Cds in staubigen Werkhallen, ungehört und ungeliebt, da AC-Privatradios – streng genommen – niemanden lieben.
Privatradios sind der kulturelle Supergau.
Während sich die Öffentlich Rechtlichen durch Steuergelder und die eigene elitäre Arroganz immer mal wieder den Anspruch nehmen, auch Inhalte zu vermitteln, dürfen die Privatradios wilde Sau spielen und tun das in Form von aufgeblasener guter Laune, quasi bunten Clownsgesichtern aus Nichts. Wie Hannibal Lecter löffeln die Privaten in der Gehirnmasse der Zuhörer und schaufeln sich den grauen Brei in ihre immerlustigen Münder.
Immer mal wieder gibt es Imagekampagnen, die einem doch tatsächlich das Lügenmär vermitteln sollen, dass man es mit echten Menschen zu tun hat, anstatt mit seelenlosen Androiden, die ihre Energiequellen dadurch erneuern, dass sie die Lebenskraft ahnungsloser Anrufer durch die Leitungen saugen. Gewinnspiele, Blitzermelder, Umfragen, Ticketverlosungen, Songwünscher, jeder Anruf geht einher mit Schwächeanfällen und einem Gefühl der Leere, das sich manchmal Tage hält.

Aber – so dachte ich resigniert – alles ist besser als Hartz IV, daher saß ich dementsprechend unmotiviert im Zug und wartete auf die unausweichliche Absage, die von meinem unmotivierten Gesicht abprallen würde, wie ein geistreicher Witz von einem Mario Barth Fan….

Die Berliner U-Bahn gefällt mir dann so sehr, dass ich spontan zwei Stationen zu weit fahre, aber gewitzt wie Justus Jonas die korrekte Bahn zurück nehme und demnach ausnahmsweise pünktlich vom nächsten Bahnhof weiterfahren kann.
Im wohl tristesten Eckchen Potsdams – im Volksmund auch gerne als Industriegebiet beschimpft – befindet sich das von mir anvisierte Privatradio, das zusammen mit anderen harmlos erscheinenden, aber schlussendlich kulturterroristischen Agenturen zusammen sitzt und das Ende des menschlichen Idealismus plant.
Während meiner Wartezeit im Empfangsbereich überkommt mich bereits ein Gefühl, als hätte mir eine verwarzte Zigeunerin vor die Füße gespuckt. Jetzt bereue ich es auch, dass ich ebenjene in unbequeme Vorstellungsgesprächschuhe gepackt habe, anstatt meine Assilatschen an zu behalten. Das könnte noch den Eindruck vermitteln, dass ich das hier wirklich will.

Auch die freundlich grüßenden Leute können nicht verheimlichen, dass hier das Böse aus dem Becken der Geschmackslosigkeit gepresst wird. Die Laith Al Deen und Kim Wilde Poster verraten sie.
„Jesus!,“ oder auch „Meh-He-Ko Hey Zeus!“ denke ich mir, „was mache ich hier eigentlich, als unverbesserlicher Freigeist gehe ich hier doch ein wie jegliche Topfpflanze bei mir zu hause!
Das Gespräch verläuft entsprechend. Schlagwörter wie ‚Hierarchie‘, ‚Konkurrenzdruck‘, ‚Wahnsinnige*‘ und ‚Kritik‘ schlagen mir um die Ohren, als Volontärin habe ich sowieso zu erwarten, dass ich jede Nacht heulend nach hause komme, von einem 10 Stunden (mindestens!) Tag gepeinigt und von den Kollegen gemobbt. 10 Tage am Stück zu arbeiten muss natürlich auch drin sein, dazu kostenlos die Erniedrigung, die einem zwangsläufig nachläuft, sollte man seinen Arbeitsplatz in Runde der intellektuell angehauchten Freunde erwähnen.
Natürlich scheut meinereiner sich nicht vor harter Arbeit und einem erbitterten Konkurrenzkampf, aber doch nicht, um ein Räderwerk ins Nichts in Gang zu halten? Gegen Windmühlen kämpfen mag ja noch ganz witzig sein, aber für sie zu arbeiten ist dann selbst für den Don zuviel.
Nach 10 Minuten werde ich rausgeschoben und zur Tür begleitet, nur für den Fall, dass ich in einem Anfall von Hysterie (die bereits keck in meinen Augen glitzert) ins Aufnahmestudio stürze und blank ziehe.
Draußen nieselt es, das Industriegelände zieht so blank, wie ich es nie hätte tun können und meine Schuhe drücken.
Alles ist besser als…

Und nun hat Herr Brecht das Wort:

Da behält man seinen Kopf oben,
und man bleibt ganz allgemein.
Sicher scheint der Mond die ganze Nacht,
sicher wird das Boot am Ufer losgemacht,
ja, aber weiter kann nichts sein.
Ja, da kann man sich doch nicht nur hinlegen,
ja, da muß man kalt und herzlos sein.
Ja, da könnte so viel geschehen,
ach, da gibt’s überhaupt nur: Nein.

*‘Wahnsinnige‘, ebenso wie die Phrasen ‚Er ist ein total verrückter Typ‘ oder ‚ich bin ein lustiger Kerl‘ (gilt ebenso für Frauen) sind – wenn nicht im ironischen Kontext – die universellen Erkennungspunkte von so genannten Humor-Vakuen, die vorzugsweise Menschen umkreisen oder, noch schlimmer, von ihnen ausgehen, die sich köstlich über Sat 1 Comedyproduktionen amüsieren, auch heute noch herzhaft über rassistische Witze lachen und entschlossen jede ironische Bemerkung ernst nehmen.

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Ein Kommentar

  1. Dr. Kaddi · Oktober 1, 2010

    Schön! Also der Text, auch wenn der Anlass beängstigend ist. Du verstehst. Was war das eigentlich für ein Wochentag? Wir sollten mal statistische Erhebungen durchführen….

    Gefällt mir

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