Abenteuer im Jobcenter aka „Vom Arbeitsamt ins Alpenland“

Da sich das Studium langsam aber sicher dem Ende zuneigt, bin ich als Geisteswissenschaftler (ergo ungeeignet für jegliche praktische Berufe) natürlich in der prekären Lage – der weiteren Zukunft an der Universität abgeneigt – mich für das illustre Hartz IV zu bewerben.
Aufgrund dessen befand ich mich Dienstag Morgen in einem Potpourri aus sozialen Brennpunkten und teigig-verschlafenen Gesichtern – der Warteschlange im Jobcenter.
In so einer Warteschlange lassen sich erstaunliche Dinge beobachten.
Zum Beispiel, dass die Posterreihe „Rostock hat viele Gesichter“ eigentlich nur vier multikulturelle Gesichter hat, die auch noch hämisch mit Jobs angeben, die niemand haben will.


Zudem wundert man sich, dass die Schlange sich weiter bewegt, selbst wenn niemand aufgerufen wurde. Es staut sich im vorderen Warteschlangenbereich, eine Unart, die im hinteren Bereich trügerische Hoffnung weckt, das Pult nebst Beraterin unter einer Stunde zu erreichen. Auf dem Weg passiert man exotische Kunstpflanzen, die wie ein Mahnmal auf die zerstörten Träume der Anwesenden wirken. Es könnte nicht deprimierender sein, wenn an den Wänden Fernsehmonitore hängen würden, auf denen Robbenschlächter und tote Wale zu sehen sind.
Aber – keine Walfang-Robbenklobben-Fernsehmonitore, stattdessen: „Vom Arbeitsamt Ostseestrand ins Alpenland“, so deklariert ein Poster stolz, mit einer grinsenden Teigrolle im Kochjäckchen, die sich von ihrer Asbest Seite zeigt, so dass man sich wünscht, für immer arbeitslos zu bleiben, um niemals in die Situation kommen zu müssen, ähnlich unfotogen abschreckend auf Arbeitssuchende zu wirken. Wie sangen schon Tocotronic: „Aber so aussehen, nein danke!“.
Apropos Hamburger Schule, ein paar zusammen gestauchte Menschen vor mir steht ein Mann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Olli Schulz hat. Dass es sich hierbei nicht um das Original handelt, ist klar, selbst wenn ebensolcher am Vorabend aufgespielt hat, aber vielleicht handelt es sich hierbei um ein Olli Schulz Double, eine Marktnische, die sicherlich noch nicht genug ausgereizt ist. Trotz Hitpotential steht er jedoch hier und nicht umringt von Fans bei einer Kik-Eröffnung, denn die Hamburger Schüler treten heutzutage ja für’n Appel und ne Trainingsjacke auf.
Um da rentabel für Studentengeburtstage, Studentenhochzeiten und Studenten Bar-Mitzwas der Pseudo-Olli zu sein, muss man sich schon für ein Kindermenü bei McDonalds verkaufen.
Natürlich wäre es eine maßlos grandiose Idee, sich teurer als der Herr Schulz zu verscherbeln, als „The better Olli Schulz Experience“ könnte man sich zu einem Unikat machen, man zahlt ja oftmals teuer Geld, weil der Preis von der Nachfrage bestimmt wird und ein hoher Preis dementsprechend aussagekräftig darüber ist, dass es mindestens zwei Stunden heißblütiges Entertainment mit einem Ausnahmedoppelgänger geben wird, der – wenn alles gut geht – auch noch eine Zugabe als „the more troubled Jochen Distelmeyer experience“ spielt.
Ja, vielleicht ist das schon geschehen und aus Ermangelung an Angeboten ob der plötzlichen Konkurrenz steht dort, fünf gestauchte Menschen vor mir wirklich der Herr Schulz. Verrückt, aber nach Autogramm fragen will ich nicht, sonst verlier ich meinen Platz an der Plastikorchidee.

Als ich endlich an der Reihe bin, bedenkt mich die Bearbeiterin zunächst mit einem trotzig, fast schon hämischen Lachen, als ich meinen Studiengang nebst Ambitionen nenne. Was, als wannabe-Musikjournalistin hat man wenig Aussichten auf einen Job? Wer hätte das gedacht, mir es wie eine vergammelte Zitrone ins Gesicht zu reiben, wäre trotzdem nicht nötig gewesen.
Aus Frust verlaufe ich mich anschließend noch in dem Gebäude, das die Nummerierung 1.2xx durch vier verschiedene Stockwerke zieht, sich in 3 verschiedene Häuser aufteilt, ohne Info, was nun in welchem Haus zu finden sei. Wer nicht mindestens 6 Stunden wirr in den immergleich beige gehaltenen Gängen des Jobcenters herumirrt, der hat es nicht verdient, Hartz IV zu beantragen. Bonuspunkte gibt es für diejenigen, die noch zwei Stunden für die Suche nach einer Toilette verbringen.

Hinaus gekommen bin ich nicht, ich wandele immer noch als mittlerweile ebenso teigig aussehendes Gespenst in den Zwischenwänden des Centers, immer wieder „Vom Arbeitsamt Ostseestrand ins Alpenland“ flüsternd, während ich an exotischen Kunstorchideen knabbere.

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