Fundstück

Wahlerlebnisse zur Europawahl einer naiven 25-jährigen, in den Tiefen meiner alten Dokumentenordner entdeckt:

Wahltag, Wahltag.
Scheiße, seit zwei Wochen wollte ich mal gucken, wen man eigentlich wählen sollte. Man weiß immer nur, wen man nicht wählen soll, aber das ist auch irgendwie kacke. Gar nicht wählen gehen ist keine Option, zumindest muss man danach lügen und sagen, man hätte gewählt, ansonsten ist man Schuld für alles, aber auch alles(!), was die NPD in den nächsten 30 Jahren anrichtet. Dann gehört man zu den Deutschen, die damals den Holocaust verleugnet haben, ist ein mieser Faschist und Menschenfeind, nur weil man zu faul war, sich so richtig zu informieren und daher eigentlich nicht irgendwen wählen wollte. Nee, wählen muss ich heute, so ignorant ich auch bin. Eigentlich find ich das ja schlimmer, als gar nicht wählen zu gehen, aber ich will doch den Holocaust nicht leugnen!
Eigentlich wollte ich mich so richtig bilden, ganz viel lesen und dann so spitzenmäßig vorbereitet sein. Regelrecht arrogant in das Wahllokal hinein gehen, ein goldener Lichtschein um meinen Kopf herum, mit Nonchalance die Wahlzettel entgegennehmen und innerhalb von Sekunden die richtigen Kreuze setzen und unter Jubel wieder hinaus schweben. Und jetzt fühl ich mich wie auf dem Weg zu einer Klausur, für die ich nicht gelernt habe. Widerlich.
Ich muss mir nur eins merken: Nicht die NPD, Jule, bloß nicht die NPD! Nicht, dass ich die wählen will, aber in solchen Situationen überkommt mich immer die Angst, dass ich etwas total Unberechenbares mache, einfach, weil ich als Teenager nie rebelliert habe und diesen anarchistischen Nachholbedarf in mir trage.
Beispielsweise bei einer Veranstaltung der Linken einfach mal rein spazieren und den Hitlergruß machen. Traum. Einfach mal sehen, wie die reagieren. Um ehrlich zu sein, auch wenn ich weiß, dass ich dreißig Minuten später im Krankenhaus aufwachen würde; um die Gesichter zu sehen, würde ich es wirklich gerne mal machen.
NPD wählen natürlich nicht, aber wer weiß.
Als ich in das Wahllokal rein komme, scherzt ein Mittvierziger mit den allesamt älteren Damen der Wahlhelfer. “Wenigstens hat man dieses Jahr mal ne gute Auswahl”, hehehe.
Hilfe, alte Leute, Studenten sind faule Säcke, die würden wohl niemals die Wahlhelfer machen. Stattdessen das Gefühl, aus Versehen in ein Kaffeekränzchen reingeschneit zu sein. So viele graue Dauerwellen, das gesamte Wahllokal verwandelt sich in altdeutsche Wohnzimmer zum Lindenstraße Gucken. Und pastellene Strickjacken und Pullover erhellen die verbeamtlichten, grauen Räumlichkeiten.
Ich mach mal lieber den MP3-Player aus, das kommt vielleicht unkonzentriert rüber, wenn ich laut Musik höre, während ich im Alleingang dafür sorge, dass die NPD nicht in den nächsten 30 Jahren die Weltherrschaft an sich reißt.
Anstatt nach dem Ausweis zu fragen, muss ich nur den Wahlzettel aus der Post vorzeigen. Ist ja nicht gerade professionell, was ist denn, wenn ich zur rechten Drückerkolone gehöre, die drei Monate lang unschuldige junge Damen und Herren gezwungen hat, ihre Wahlzettel aufzugeben, damit ich und all die anderen rechten Gedankengutler unsere Lieblingspartei wählen können, immer und immer wieder? Ach, sonst bin ich gar nicht so, aber mich haben alle ganz wuschig gemacht.
Immer zur Wahlzeit ist die NPD plötzlich überall und wir alle müssen mit Kugelschreibern an Paketschnur dagegen ankämpfen, wie tapfere kleine Weltverbesserer.
Die Wahlkabine ist schrecklich, als ich mich hinsetze, wackelt das ganze Ding, da niemand sehen kann, dass ich mich nur ganz harmlos auf dem Stuhl niedergelassen habe, denken die wahrscheinlich gerade, dass ich betrunken bin (als Student ja ganz normal). Die Paketbandkugelschreibervorrichtung sieht ein wenig lächerlich aus, das kommt nicht gerade professionell rüber, erst die Sache mit dem Ausweis, dann eine dilettantisch zusammen gebaute Wahlkabine und die Kugelschreiber hängen nicht einmal an edlen Ketten? Saftladen.
Die Wahlzettel sind riesig, aber glücklicherweise muss ich insgesamt nur vier Kreuze machen. Meine Befürchtung, 300 verschiedene Kreuze mit 20 verschiedenen Abstufungen tätigen zu müssen, war dann tatsächlich nur schlechtes Popcorn-Kopfkino. Ich bin aber auch ungebildet, warum dürfen Leute wie ich eigentlich wählen gehen?
Mein erstes Kreuz gilt der Europawahl, aber erstmal gucken, wer sich da so aufgestellt hat. Peinlich, das hätte ich auch zuhause schon mal gucken können, aber ich wusste ja schon, wen ich wähle. Haha, Piraten gibt‘s, immer wieder gut, wenn Politik ernst genommen wird. Warum gibt es diesen kecken Humor eigentlich nicht beim Militär? Da dürfte man dann neben Maschinengewehr und Flammenwerfer auch mal die Wasserpistole wählen. Oder beim Schulunterricht einfach mal Hanfanbau als Wahlfach vorschlagen. Nee, da zieht das nicht, aber bei der Europawahl kann man das ja machen, die sind ja eigentlich auch nur der verschrobene Cousin der wirklich einflussreichen Weltmächte. Der, der immer petzt und bis zum 19. Lebensjahr eine Zahnspange trägt und so komisch nach Kohl riecht.
Newropa könnte ich auch wählen, wenn ich nicht würgen müsste, sobald mir derartig schlechte Wortspiele unterkommen. Neben die Bibeltreuen Christen würde ich gerne eine kleine Jesus Karikatur hinzeichnen, aber ich wette, dann zählt meine Stimme nicht und dann leugne ich schon wieder den Holocaust.
So, Kreuz gemacht, weiter zur Bürgerwahl.
Das ist jetzt wirklich schwierig, weil ich keinen der Namen kenne. So macht man das nämlich, Vetternwirtschaft und wenn das nicht hilft, die gut aussehenden Gesichter auf den Plakaten. Aber scheiße, die sehen ja dieses Jahr alle furchtbar aus. Die hätten Germany’s Next Topmodel nicht so kurz vorher laufen lassen sollen, im Gegensatz zu denen kann man nur wie Kraut und Rüben aussehen. Also zurück zur Vetternwirtschaft und gucken, ob einem einer der Namen bekannt vorkommt. Warte mal, Pulkenat, kannte ich nicht mal einen in der Schule mit dem Namen? Aber wenn das wirklich seine Mutter ist, sollte ich die nicht wählen, die war ganz schön gruselig.
Ich les mir durch, was alle so machen, akademische Abschlüsse wie Dr. kriegen Vorzug, wer Student oder Auszubildender ist, kann gleich einpacken, wenn die auch nur annähernd wie ich sind, kriegen die politische Verantwortung nie gebacken, saufendes, faules Studentenpack, die können sich ja nicht einmal hinsetzen, ohne die gesamte Wahlkabine zu demolieren.
So viele Namen.
Die NPD ist natürlich scheiße dran. Auf deren Plakaten waren keine Gesichter zu sehen, damit man die wahrscheinlich nicht auf offener Straße mit Autogrammfragen belästigt. Und jetzt weiß keiner, wer diese Leute nun sind.
Ganz kurz überkommt mich wieder die Angst, dass ich unterbewusst dort drei Kreuze machen könnte, alleine, um zu sehen, wie es sich anfühlt. Schnell mach ich meine Kreuze woanders, zwei Doktoren und ein Grüner, das klingt gut und ist ausgewogen.
Zumindest hab ich nicht diese merkwürdige Dreyer gewählt.
Da hat die NPD das vielleicht doch richtig gemacht, ohne Gesichter fängt auch niemand an, einen zu hassen, weil man ein Gesicht wie ein Kartoffelbrotteig hat, mit einem merkwürdig verstörenden Grinsen voller winziger Zähne. Kartoffelbrotteig mit Zähnen traut man keine politische Führungsposition zu.
Endlich stehe ich unter heftigem Wahlkabinengeruckel auf, eine verwirrte alte Frau stürzt sich auf die besetzte Kabine neben mir, haha, alte Leute sind witzig.
Als ich meine Scheine in die Wahlurnen stecke, heften sich meine Augen auf das Glas mit Bonbons, das daneben steht. Das habe ich vorhin schon beim Reingehen gesehen. Ich nehme aber dann doch keinen, weil die nicht eingepackt sind und wahrscheinlich schon von Dutzenden anderen verwirrten Wählern angetatscht wurden. Es will sich einfach kein harmonisches Gefühl der Gemeinsamkeit einstellen, sonst wäre es mir wohl egal, wessen fettige Finger sich schon billige Zitronenbonbons aus der Schüssel gegrabbelt haben und ich würde mir in einem warmen Anflug der Zusammengehörigkeit einen Bonbon nehmen, ein symbolisches Zuckerwerk gegen die NPD.
Ich grinse dennoch dümmlich während ich das Wahllokal verlasse und schalte meinen MP3 Player wieder an.
Für ein paar Sekunden überkommt mich der Zweifel, den man verspürt, wenn man die Tür hinter sich zugeschlagen hat und überlegt, ob der Herd auch aus ist.
Vielleicht hab ich ganz unbewusst doch die NPD gewählt? Nee nee Jule, du hast vielleicht ignorant und dumm wahllos irgendwelche Kreuze gesetzt, ohne auch nur irgendeine Ahnung zu haben, welcher Tölpel jetzt dahinter steht, aber die NPD hast du nicht gewählt und darauf kommt es doch an. Wobei, würde es eine Partei geben, die dafür kämpft, dass Leute wie ich nicht mehr wählen gehen sollten, wäre ich dabei, ohne Frage.

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