17.9.2009 – House of Leaves

House of Leaves –

Da ich offensichtlich das Infinite Summer Projekt verdüst habe (Das wunderbare Werk „Infinite Jest“, welches ca. 1000 Seiten umfasst, im Verlauf des Sommers zu lesen – am 21.9. ist der Sommer zu Ende und ich bin immer noch bei Seite 46), habe ich mir mein eigenes Projekt „Infinite Winter“ gesteckt. Um mir Mut an zu lesen, habe ich mir ein ähnlich postmodernes, überschwängliches Werk aus der Bibo zurück geholt. Denn ja, schon einmal lag so ein Klopper an Buch neben meinem Bett und wartete darauf, gelesen zu werden. Wobei ich zu meiner Verteidigung sagen muss, dass ich beim 700-Seiten Werk bis 160 gekommen bin. Ein paar Monate später stand ich also wieder an der Bibliotheks-Theke („Na da haben Sie sich ja was vorgenommen“), um es noch einmal zu versuchen.

Deutsches Cover, das ich persönlich lieber mag, als das Original

Deutsches Cover, das ich persönlich lieber mag, als das Original

(Es folgt eine sehr lange, sehr subjektive Einschätzung des Buches, nur zur Warnung, so richtig kurz konnte ich mich nicht fassen).

Das Debütwerk von Mark Z. Danielewski ist unter Horror einsortiert, was bis zu einem gewissen Grad auch stimmt, aber das auf dem Klappentext tatsächlich Namen wie Stephen Kings erwähnt werden, ist ein wenig fehl am Platz.
Denn den Schreibstil von King mit dem von Danielewski, selbst in Hervorhebung von Danielewski, zu vergleichen ist einfach nur irreführend, was allerdings wieder zum Inhalt des Buches passt.

Zur kurzen Geschichte:
House of Leaves (Das Haus), ist eine wissenschaftliche Arbeit über einen fiktiven Doku-Film über ein anscheinend eigenständiges Haus. Der Verfasser beging jedoch Selbstmord, so dass Johnny, ein Freund und Nachbar es zu seiner Aufgabe machte, die Notizen ab zu tippen und mit ergänzenden Fußnoten zu versehen, wobei die Hälfte davon eher seitenlange Tagebucheinträge sind, die sich mit seinem langsam verschlechternden mentalen Zustand beschäftigen, der anscheinend durch die  Beschäftigung mit der Arbeit zustande kommt.

Hinzu kommen einige Fußnoten des (fiktiven) Herausgebers und diverse Abschnitte, die spiegelverkehrt geschrieben sind, lediglich Aufzählungen von Orten enthalten, oder aber fast leere Seiten, in denen die Anordnung der Worte auf dem hauchdünnen Papier eine Art Verbildlichung des Inhalts darstellen.
Das ist der Fluch und Segen jedes postmodernen Romans. Zum Einen ist es überaus beeindruckend, wie der Autor zwei verschiedene Erzählstränge (die wissenschaftliche Arbeit, als auch die – stilistisch vollkommen anders erzählten – Fußnoten von Johnny) so sicher ineinander verweben kann. Außerdem ist es mehr als beeindruckend wie viel Fachwissen aus dem philosophischen, medial-kritischen und literaturwissenschaftlichen Bereichen in dieses Buch eingeflossen sind. Ob nun rein fiktive Zitate aus Aufsätzen über die Glaubwürdigkeit der Dokumentation, über Vergleiche mit den Besitzern des Hauses und Figuren aus der Bibel, Danielewski hat aus einer simplen Horrorgeschichte ein überzogenes akademisches Gemetzel gemacht, dass sich im Haupttext überraschend flüssig lesen lässt.
Fängt man jedoch an, die Fußnoten mit zu lesen, wird es alsbald nur noch anstrengend, soll es wahrscheinlich auch.
Durch seitenlange Fußnoten wird man natürlich mehr oder weniger aus dem Haupttext heraus gerissen, so dass ich mich persönlich nach ein paar hundert Seiten leicht ignorant dazu entschlossen habe, nur noch die textrelevanten Fußnoten zu lesen, sprich, Johnnys Abstieg in den Wahnsinn und seine Drogen- und Sexgeschichten zu skippen, evt. für Später (haha, wer’s glaubt).
Im Grunde ist es, wie so viele postmoderne Werke: In der Theorie nicht nur beeindruckend, sondern in diesem Fall schlichtweg umwerfend. Ob nun bestimmte Anordnungen von Fußnoten den Namen des Autors angeben, Textlöcher den Morse-Code ergeben etc.pp., House of Leaves ist so durchdacht, dass man darüber ein gleichsam 700-seitiges akademisches Werk schreiben könnte.
Im praktischen Erleben ist es dann natürlich kompliziert, verkopft und teilweise ungenießbar, wenn im Ganzen verdaut. Aber es lohnt sich. Meine Fresse, lohnt es sich.

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2 Kommentare

  1. Solminore · Oktober 25, 2011

    Das von Ihnen visionierte 700-seitige Werk wäre dann ja ein Buch über [einen Text [über einen Film [über ein Haus]]]. Ein solches Stück Sekundär- (oder sollte man sagen: Quartär-)literatur würde seinerseits sicher Waschkorbweise Magister- und Doktorarbeiten evozieren. Ein wahres Haus von Blättern …

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    • fichtenstein · Oktober 25, 2011

      In der Tat, ein wahres Metawerk, an das werde ich mich aber erst machen, wenn ich in Rente gegangen bin…

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